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  • Karla Johanna Schaeffer

Wie wir aufhören, andere zu verurteilen (die Keksdiebin)



"Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind", schrieb die Autorin Anaïs Nin.

Die psychologische Forschung deckt sich gut mit diesem Gedanken, vor allem, wenn es um die soziale Beurteilung geht. Die Art und Weise, wie wir andere bewerten, hängt nicht nur von ihren objektiven Merkmalen ab, sondern spiegelt auch unseren Blickwinkel wider, der natürlich von unseren Lebenserfahrungen, Zielen und Werten und unseren verborgenen Wünschen und Ängsten geprägt ist. Die Dinge, die wir an anderen am meisten kritisieren oder loben, verraten uns nicht nur etwas über sie, sondern auch über uns selbst, manchmal auf überraschende Weise.


Es ist normal, Menschen und Situationen zu beurteilen. Beurteilen bedeutet, sich auf der Grundlage von Gedanken, Gefühlen und ‚Beweisen‘ eine Meinung über jemanden oder etwas zu bilden. Auch wenn unser Urteil tatsächlich nur eine Meinung ist, wird es von uns oft als Realität wahrgenommen.


'Was uns in Schwierigkeiten bringt, ist nicht das, was wir nicht wissen. Es ist das, was wir mit Sicherheit scheinen zu wissen, was jedoch in Wahrheit falsch ist!' Mark Twain


Ohne uns dessen bewusst zu sein, können wir uns so sehr in unserer eigenen Perspektive verfangen, dass wir die Realität nicht mehr sehen.


Die Geschichte vom Keksdieb ist eine inspirierender Text, der eine brillante Lektion darüber erteilt, warum wir nicht zu schnell Vermutungen anstellen sollten.

Ich habe die Geschichte aus dem Englischen übersetzt, das Gedicht im Original ist von Valerie Cox und heißt: ‚The cookie Thief‘.

Es wird dir helfen, Annahmen in Frage zu stellen und dem anderen den ‚benefit of the doubt‘ zu geben, also im Zweifel für den Angeklagten zu sein. Es wird dir helfen, Reaktionen etwas sorgfältig auszuwählen und daran erinnern, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie zu sein scheinen.

Wie oft haben wir in unserem Leben absolut gewusst, dass etwas auf eine bestimmte Art und Weise war, nur um später festzustellen, dass das, was wir für wahr hielten, nicht stimmte? Lasse dich inspirieren.


Eine Frau wartete eines Abends an einem Flughafen auf ihren Flug und hatte noch einige Stunden bis zur Abflugzeit. Sie suchte in den Geschäften des Flughafens nach einem Buch, und kaufte außerdem eine Tüte Kekse. Sie suchte sich einen Platz, um sich dort fallen zu lassen und es sich gemütlich zu machen während sie wartete.


Sie war in ihr Buch vertieft, sah aber zufällig aus den Augenwinkeln, dass der Mann, der neben ihr saß, frech wie er war, immer wieder zwischendurch einen oder zwei Kekse aus der Keks Tüte nahm. Sie versuchte es zu ignorieren, um nicht unhöflich zu sein und um eine Szene zu vermeiden.


Also mampfte sie die Kekse und beobachtete die Uhr, während der dreiste Keksdieb neben ihr weiter mit den Keksvorrat verkleinerte. Je mehr Minuten verstrichen, desto mehr ärgerte sie sich und dachte: "Wenn ich nicht so nett und gut erzogen wäre, würde ich ihn in seine Schranken weisen und ihm sagen, dass man sich so dreist nicht verhält."


Mit jedem Keks, den sie nahm, nahm der Mann auch einen, und als nur noch ein letzter Keks übrig war, fragte sie sich, was er wohl jetzt tun würde. Mit einem Lächeln im Gesicht und einem nervösen Lachen nahm der Mann den letzten Keks und brach ihn in zwei Hälften.


Er bot ihr eine Hälfte an, und als er die andere aß, schnappte sie ihm die angebotene Hälfte weg und dachte... ‚oooh Mann. Der Kerl hat vielleicht Nerven und ist auch noch so unhöflich, warum hat er sich nicht einmal bedankt!‘


Die Frau wusste nicht, wann sie sich jemals so geärgert hatte, und seufzte erleichtert, als ihr Flug aufgerufen wurde. Sie packte ihre Sachen zusammen und ging zum Flugsteig, wobei sie sich weigerte, dem undankbaren Dieb einen letzten Blick zu gönnen.


Sie bestieg das Flugzeug und ließ sich in ihren Sitz sinken, machte es sich bequem und suchte dann nach ihrem Buch, mit dem sie fast fertig war. Als sie in ihr Gepäck griff, zuckte sie vor Überraschung und Schreck zusammen, denn dort lag ihre Tüte mit den Keksen vor ihren Augen.


‚Wenn meine hier sind‘, stöhnte sie verzweifelt, ‚dann waren die anderen seine, und er wollte teilen‘. Zu spät, um sich zu entschuldigen, erkannte sie mit Scham und Bedauern, dass sie die Unhöfliche, die Undankbare, die Diebin gewesen war.


Die Dinge sind nicht immer so wie sie scheinen. Wir machen schnell Annahmen über Menschen, Situationen und erlebte Reaktionen. Wir beurteilen und sind uns einer Sache hundertprozentig sicher, nur um anschließend herauszufinden, dass es nur eine Geschichte in unserem Kopf war. Wir stecken Menschen in Schubladen und können das große Ganze in solche Momenten nicht überblicken.


Wie oft warst du schon absolut überzeugt von etwas, nur um später festzustellen, dass du dich geirrt hast? Und vielleicht befindest du dich gerade in einer Situation, die dich ärgert, die du verurteilst und die dir ganz klar erscheint.

Betrachtest du diese besondere Situation von allen Seiten? Stellen du auch manchmal eigene Annahmen in Frage? Reagierst du, ohne die Situation vorher vollständig zu analysieren? Versuchst du zu verstehen, bevor du ein Urteil fällen? Ziehst du eine Schlussfolgerung und bleibst dabei, ohne deine eigene Voreingenommenheit zu hinterfragen? Vielleicht inspiriert dich diese kleine Geschichte dazu, in bestimmten Situationen geduldiger zu sein, dich mit Urteilen zurückzuhalten und animiert dich zur Aufgeschlossenheit.

Die Moral von der Geschichte ist: Zieh keine voreiligen Schlüsse aus dem, was du für möglich oder unmöglich hältst... Sei keine Keksdiebin.



Das Gedicht im Original:

The Cookie Thief

by Valerie Cox


A woman was waiting at an airport one night, with several long hours before her flight. She hunted for a book in the airport shops, bought a bag of cookies and found a place to drop.

She was engrossed in her book but happened to see, that the man sitting beside her, as bold as could be. . .grabbed a cookie or two from the bag in between, which she tried to ignore to avoid a scene.

So she munched the cookies and watched the clock, as the gutsy cookie thief diminished her stock. She was getting more irritated as the minutes ticked by, thinking, “If I wasn’t so nice, I would blacken his eye.”

With each cookie she took, he took one too, when only one was left, she wondered what he would do. With a smile on his face, and a nervous laugh, he took the last cookie and broke it in half.

He offered her half, as he ate the other, she snatched it from him and thought… oooh, brother. This guy has some nerve and he’s also rude, why he didn’t even show any gratitude!

She had never known when she had been so galled, and sighed with relief when her flight was called. She gathered her belongings and headed to the gate, refusing to look back at the thieving ingrate.

She boarded the plane, and sank in her seat, then she sought her book, which was almost complete. As she reached in her baggage, she gasped with surprise, there was her bag of cookies, in front of her eyes.

If mine are here, she moaned in despair, the others were his, and he tried to share. Too late to apologize, she realized with grief, that she was the rude one, the ingrate, the thief.


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