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Kontrolle abgeben, wenn Kontrolle dich dein ganzes Leben lang sicher gehalten hat.

Autorenbild: Karla Johanna Schaeffer
Karla Johanna Schaeffer
vor 6 Stunden
6 Min. Lesezeit

Warum Loslassen für manche Menschen nicht entspannend, sondern beängstigend ist – und was dein Körper damit zu tun hat.


„Du musst einfach mal loslassen.“

Es gibt Sätze, die gut gemeint sind und trotzdem überhaupt nicht helfen.

Dieser gehört für mich dazu.

Denn was bedeutet „loslassen“ eigentlich für einen Menschen, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, die Dinge zusammenzuhalten?

Der früh gelernt hat, vorauszudenken.

Verantwortung zu übernehmen.

Probleme zu erkennen, bevor sie entstehen.Stimmungen im Raum wahrzunehmen.Sich vorzubereiten.

Nicht unvorsichtig zu werden.Nicht zu viel dem Zufall zu überlassen.

Für diesen Menschen ist Kontrolle nicht einfach eine schlechte Angewohnheit.

Kontrolle war vielleicht lange eine ziemlich intelligente Lösung.

Und genau deshalb lässt sie sich nicht einfach abschalten.


Vielleicht bist du gar kein „Kontrollmensch“


Vielleicht bist du einfach sehr gut darin geworden, Unsicherheit zu vermeiden.

Das ist ein Unterschied.

Wenn wir von Kontrolle sprechen, denken wir schnell an Menschen, die alles bestimmen wollen. Aber Kontrolle kann sehr viel unscheinbarer aussehen.

Du gehst ein Gespräch hinterher noch einmal im Kopf durch.

Du möchtest wissen, wie etwas ausgehen wird, bevor du dich entscheidest.

Du planst lieber einen Schritt zu viel als einen zu wenig.

Du überprüfst Dinge mehrfach.

Du beobachtest deinen Körper genau.

Du möchtest verstehen, warum du dich gerade so fühlst.

Du versuchst, dich auf alle möglichen Szenarien vorzubereiten.

Du findest es schwierig, Aufgaben abzugeben.

Oder du kannst äußerlich durchaus entspannen – während dein Kopf im Hintergrund weiterarbeitet.

Was, wenn das passiert?

Habe ich etwas übersehen?

Was muss ich noch bedenken?

Bin ich wirklich sicher?

Kontrolle kann unglaublich produktiv aussehen.

Manchmal nennen wir sie Verantwortungsbewusstsein. Perfektionismus. Gewissenhaftigkeit. Selbstständigkeit. Vorausschauendes Denken.

Und vieles davon sind tatsächlich wertvolle Fähigkeiten.

Problematisch wird es erst, wenn dein System irgendwann glaubt:

Nur solange ich alles im Blick behalte, bin ich sicher.


Dein Körper kennt keine Excel-Tabelle für das Leben


Unser Verstand liebt Vorhersagbarkeit.

Wenn wir wissen, was als Nächstes geschieht, können wir uns darauf einstellen. Unsicherheit dagegen verlangt etwas ziemlich Anspruchsvolles von uns:

Wir müssen einen Moment lang nicht wissen.

Und genau das kann für ein dauerhaft angespanntes Nervensystem schwierig sein.

Denn Stress verändert nicht nur unsere Gedanken. Er verändert den ganzen Körper.

Die Muskulatur spannt sich an. Die Atmung kann flacher werden. Aufmerksamkeit richtet sich stärker nach außen. Wir scannen schneller nach möglichen Problemen. Unser Gehirn versucht, relevante Informationen herauszufiltern.

Der Organismus bereitet sich vor.

Das ist wunderbar, wenn du tatsächlich handeln musst.

Es wird anstrengend, wenn Vorbereitung zu deinem Grundzustand wird.

Dann sitzt du vielleicht abends auf dem Sofa – aber ein Teil deines Körpers sitzt bildlich gesprochen noch immer am Steuer.

Hände am Lenkrad.

Blick auf die Straße.

Bereit zu reagieren.

Und jetzt sollst du „einfach loslassen“?

Natürlich funktioniert das nicht immer.


Das Paradoxe an Kontrolle


Kontrolle soll Unsicherheit reduzieren.

Doch manchmal erzeugt sie mit der Zeit immer mehr davon.

Denn je häufiger wir versuchen, jede Unsicherheit durch Denken, Planen, Prüfen oder Absichern zu beseitigen, desto weniger Gelegenheit bekommen wir, etwas anderes zu erfahren:

Dass etwas unsicher sein kann – und wir trotzdem damit zurechtkommen.

Vielleicht weißt du nicht, wie dieses Gespräch ausgehen wird.

Und kannst es trotzdem führen.

Vielleicht kannst du nicht garantieren, dass du die richtige Entscheidung triffst.

Und kannst trotzdem entscheiden.

Vielleicht kannst du nicht verhindern, dass jemand enttäuscht von dir ist.

Und kannst das aushalten.

Vielleicht weißt du nicht, was in sechs Monaten sein wird.

Und bist heute trotzdem sicher.

Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied:

Sicherheit bedeutet nicht, dass nichts Unvorhergesehenes mehr passiert.

Sicherheit bedeutet zunehmend:

Ich muss nicht alles vorhersehen, um mir selbst zu vertrauen.


Warum der Körper beim Loslassen manchmal erst einmal

unruhiger wird


Das finde ich besonders wichtig.

Viele Menschen erwarten, dass weniger Kontrolle sofort mehr Entspannung bedeutet.

Aber manchmal geschieht zunächst das Gegenteil.

Du machst weniger.

Du hörst auf, ein Problem zu lösen.

Du legst das Handy weg.

Du sagst dir: „Ich kümmere mich morgen darum.“

Und plötzlich wird es unruhig.

Du spürst deinen Herzschlag deutlicher. Gedanken werden lauter. Dein Körper möchte aufstehen. Etwas erledigen. Googeln. Nachfragen. Noch einmal überprüfen.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Loslassen dir nicht guttut.

Es kann auch bedeuten, dass dein System gerade etwas Ungewohntes erlebt.

Du entziehst ihm eine Strategie, die bisher zuverlässig für ein Gefühl von Sicherheit gesorgt hat.

Deshalb halte ich wenig davon, Kontrolle gewaltsam „wegtrainieren“ zu wollen.

Es geht nicht darum, deinem Körper eine seiner Schutzstrategien wegzunehmen.

Es geht darum, ihm weitere Möglichkeiten hinzuzufügen.


Kontrolle abgeben beginnt deshalb erstaunlich klein


Nicht:

„Ab heute vertraue ich dem Leben.“

Sondern vielleicht:

Ich lasse diese eine Frage heute für zehn Minuten unbeantwortet.

Und dann beobachtest du nicht zuerst deine Gedanken, sondern deinen Körper.

Wo merkst du das Nichtwissen?

Im Bauch?

Im Brustkorb?

Im Kiefer?

In den Schultern?

Was möchte dein Körper sofort tun?

Aktiv werden?

Zum Handy greifen?

Jemanden anrufen?

Weiterdenken?

Versuche für einen kurzen Moment, nichts davon zu verändern.

Spüre stattdessen deine Füße.

Nimm wahr, was dich gerade trägt.

Schau dich im Raum um.

Atme aus.

Und gib deinem Körper ein paar Sekunden Zeit, in denen nichts gelöst werden muss.

Nicht fünf Stunden.

Vielleicht zunächst zwanzig Sekunden.

Das klingt unspektakulär.

Aber genau dort kann etwas Neues entstehen.


Die eigentliche Übung lautet nicht „Loslassen“


Sie lautet:

Nicht sofort eingreifen.


Zwischen dem Gefühl von Unsicherheit und deiner gewohnten Reaktion entsteht ein kleiner Raum.

Du bemerkst:

Ich bin angespannt – und muss die Anspannung nicht sofort beseitigen.

Ich kenne die Antwort nicht – und muss sie nicht sofort finden.

Ich habe Angst – und muss nicht sofort eine Garantie herstellen.

Ich kann gerade nichts tun – und bin trotzdem hier.

Dieser kleine Raum ist wertvoll.

Denn dein Körper sammelt Erfahrungen.

Nicht nur dein Kopf.

Und irgendwann entsteht vielleicht ein neuer Satz:

Ich kann mich sicher fühlen, ohne alles kontrollieren zu müssen.


Aber Vertrauen entsteht nicht durch einen guten Gedanken


Das ist der Punkt, an dem reine Kopfarbeit manchmal an ihre Grenze kommt.

Du kannst hundertmal denken:

„Ich darf loslassen.“

Während dein Kiefer fest ist.

Deine Schultern hochgezogen sind.

Dein Bauch angespannt ist.

Deine Atmung kaum den Brustkorb verlässt.

Und dein gesamter Organismus signalisiert:

Bloß nicht unaufmerksam werden.

Deshalb finde ich körperorientierte Arbeit an diesem Punkt so spannend.

Nicht, weil der Körper „gegen“ den Kopf arbeitet.

Sondern weil Vertrauen irgendwann mehr sein muss als ein Gedanke.

Es muss zu einer Erfahrung werden.


Vielleicht ist Loslassen gar nicht das Ziel


Vielleicht geht es um etwas viel Schöneres:

Flexibilität.

Es gibt Situationen, in denen Kontrolle sinnvoll ist.

Wenn ich eine Reise plane, möchte ich wissen, wann mein Zug fährt.

Wenn ich einen Vertrag unterschreibe, möchte ich ihn vorher lesen.

Wenn mein Kind auf eine Straße zuläuft, möchte ich nicht achtsam meine Kontrollbedürfnisse beobachten – sondern handeln.

Gesunde Regulation bedeutet nicht, passiv zu werden.

Sie bedeutet, zwischen Anspannung und Entspannung wechseln zu können.

Handeln, wenn Handeln nötig ist.

Und aufhören können, wenn es genug ist.

Planen können.

Und einen Plan verändern können.

Aufmerksam sein.

Und irgendwann wieder weich werden.

Vielleicht ist das die Freiheit, nach der wir eigentlich suchen.

Nicht die völlige Abwesenheit von Kontrolle.

Sondern die Möglichkeit, sie wieder abzugeben.


Genau hier kann TRE® interessant werden


TRE® – Tension & Trauma Releasing Exercises – arbeitet mit einem natürlichen körperlichen Mechanismus: dem neurogenen Zittern.

Dabei geht es für mich nicht darum, möglichst intensiv zu zittern oder etwas aus dem Körper „herauszubekommen“.

Im Gegenteil.

Ein wichtiger Teil der Arbeit besteht darin, wahrzunehmen:

Wie viel kann ich gerade zulassen?

Wann möchte mein Körper stoppen?

Was fühlt sich angenehm an?

Wann wird es zu viel?

Kann ich eine Bewegung entstehen lassen, ohne sie vollständig zu steuern?

Und kann ich gleichzeitig erleben, dass ich jederzeit Einfluss nehmen und aufhören kann?

Gerade für Menschen, die viel über Kontrolle regulieren, kann darin eine besondere Erfahrung liegen.

Ich muss nicht alles machen – und bin trotzdem nicht ausgeliefert.

Zwischen diesen beiden Polen liegt etwas Entscheidendes:

Selbstregulation.

Du gibst nicht die Kontrolle über dich selbst ab.

Du lernst vielmehr, deinem Körper wieder etwas mehr zuzutrauen.


Zurück in Sicherheit – mein 8-wöchiger TRE®-Kurs


Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst und merkst, dass du nicht nur verstehen möchtest, warum dein Körper so viel festhält, sondern Regulation tatsächlich körperlich erfahren möchtest, begleite ich dich in meinem 8-wöchigen TRE®-Gruppenprogramm „Zurück in Sicherheit“.

Über acht Wochen lernst du Schritt für Schritt, die Sprache deines Körpers besser zu verstehen und TRE® sicher und dosiert für dich anzuwenden.

Dich erwarten unter anderem:

  • 8 Audio-Masterclasses

  • begleitende Regulation-Audios

  • ein Workbook

  • 5 live begleitete TRE®-Gruppensessions

  • die Aufzeichnungen der Live-Termine

  • und eine strukturierte Begleitung über die gesamten acht Wochen.


Der Kurs richtet sich besonders an Menschen, die viel verstanden, analysiert und versucht haben – und merken, dass ihr Körper trotzdem häufig angespannt, wachsam oder „an“ bleibt.

Vielleicht musst du nicht noch besser darin werden, dich zusammenzuhalten.

Vielleicht darf dein Körper langsam lernen:

Ich kann mich halten – auch wenn ich nicht alles festhalte.



 
 
 

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