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Die Polyvagal Theorie. Vagusnerv beeinflusst Gesundheit und Sicherheitsgefühl.


Polyvagal Theorie - Vagusnerv - Karla Johanna Schaeffer

Stephen Porges hat die Polyvagal Theorie aufgestellt, die uns ein differenzierteres Verständnis der Biologie von Sicherheit und Gefahr liefert, das auf dem subtilen Zusammenspiel zwischen den innerlichen Erfahrungen unseres eigenen Körpers und den Stimmen, Geräuschen und Gesichtern der Menschen um uns herum basiert. Es erklärt, warum ein freundliches Gesicht oder ein beruhigender Ton die Art und Weise, wie wir uns fühlen, dramatisch verändern können.


Die Polyvagal Theorie gibt ein neues Verständnis wie unser Nervensystem funktioniert.

Sodass wir unseren Körper und unser Gehirn besser kontrollieren können, sogar Einfluss auf den Körper und das Gehirn anderer nehmen können. Von unserem Nervensystem auf ein anderes Nervensystem sozusagen.


Was ist das autonome Nervensystem?

Das autonome Nervensystem ist das automatische Nervensystem. Es ist der Teil deines Körpers, den du nicht bewusst kontrollierst, z.B. den Herzschlag, den Atem, die Verdauung. Traditionell ist das autonome Nervensystem in zwei Bereiche geteilt, in das parasympatische Nervensystem (Parasympathikus) und das sympathische Nervensystem (Sympathikus). Zwei Bereiche, die sich gegenüberstehen.

Du bist entweder im parasympathischen Modus, auch dem sozialen Modus genannt, in dem du dich ausruhen kannst und entspannen kannst, in dem du isst und genießt. Oder du bist im Alarm Modus, im sympathischen Modus, in den wir bei Stress, Aufregung und Angst verfallen. Aber es gibt noch einen dritten Zustand.


Der No.1 Job des autonomen Nervensystems ist es, uns am Leben zu erhalten.


In gefährlichen Situationen muss der Körper in Sekunden reagieren können. Du hast keine Zeit dir zu überlegen, ob ein Tier oder ein Mensch, das dir entgegen kommt, gute Absichten hat oder schlechte. Ob es dich anfallen wird oder nicht. Sondern in solchen Situationen musst du sofort, augenblicklich und automatisch handeln.

Also hat dein Körper eine Ressourcen Balance entwickelt. Die Balance zwischen: Muss ich mich jetzt gerade in Sicherheit bringen? Oder kann ich mich entspannen und kann ich mit diesem Gegenüber interagieren und kommunizieren?

Das ist nicht etwas, über das du bewusst nachdenken kannst. Denn wenn du es dir überlegen müsstest, wärst du im schlimmsten Fall schon tot. Also hat unser Körper ein automatisches Erkennungssystem entwickelt.

Und dieses Erkennungssystem nennt sich Neurozeption.


Die Neurozeption ist ein Bergiff, der erklärt, wie unser Körper unbewusst das Geschehen und die Umgebung und unser Gegenüber scannt und an bestimmten Bereichen ausmachst, ob etwas für uns gefährlich oder aber sicher ist. Um dann automatisch in uns Vorgänge auszulösen, für die wir uns nicht bewusst entscheiden und die wir nicht bewusst steuern.


Jedes Mal, wenn du jemanden triffst, einen Menschen oder ein Tier, scannt die Neurozeption dein Gegenüber und fragt: Bist du sicher oder bist du gefährlich?


Neurozeption passiert augenblicklich und automatisch. Wir sagen uns in den ersten Sekunden nicht: Diese Person ist mir sympathisch, ich kann mich öffnen. Sondern es passiert einfach. Oder wenn ein Tier auf dich zu kommt denkst du nicht das ist bestimmt ein nettes Tier, sondern dein Körper weiß es einfach.

Deshalb mögen wir manche Menschen einfach, wir wissen nicht weshalb, aber wir fühlen uns automatisch zu ihnen hingezogen. Und manche stoßen uns irgendwie ab, sind uns nicht geheuer, auch hier wissen wir manchmal nicht direkt warum. Das ist die Neurozeption.


Nun gibt es also drei Zustände, in denen unser Körper sein kann, wie bei einer Ampel.

Grün - den parasympathischen, den entspannten Zustand (am Beispiel der Neurozeption wenn das autonome Nervensystem unser Gegenüber als sicher einschätzt).

Gelb - den sympathischen, den angespannten und aufgeregten Zustand (wenn das Nervensystem unser Gegenüber als gefährlich markiert).

Rot – den erstarrten Zustand (wenn das Nervensystem das Gegenüber als mehr als gefährlich einschätzt).


Abhängig von der autonomen Reaktion verändert sich dein Körper. Indem eben unterschiedliche Systeme anspringen.

Dieser Zustand determiniert, wie du die Welt wahrnehmen kannst. Wie durch einen Filter nehmen wir die Welt unterschiedlich wahr, je nach Reaktion unseres Nervensystems.


Gerüche riechen anders. Der Geschmackssinn verändert sich. Das was wir sehen scheint anders. Eine Situation oder ein Mensch kann in dem einem Zustand positiv und angenehm wirken, in einem anderen Zustand kann sie komplett anders wahrgenommen werden. Und dem ist so, weil der autonome Zustand in den wir verfallen, dafür verantwortlich ist, wie wir die Welt wahrnehmen.


In dem grünen Status, dem entspannten parasympathischen Zustand kann dein Herzschlag sich beruhigen, die Verdauung wird angeregt. Der Hirn Nerv der die Gesichtsmuskeln aktiviert ist stimuliert, das heißt, du kannst kommunizieren mit Mimik, Gefühle zeichnen sich auf deinem Gesicht ab, dein Gesichtsausdruck ist lebendig.

Dein Stimmlicher Ausdruck (Melodik, Tempo Rhythmik) ist verbessert, also können wir Gefühle auch über die Stimme ausdrücken, sie ist nicht monoton. Wir können ein Gefühl der Sicherheit auch bei unserem Gegenüber über unsere Stimme erwirken. Wir können Blickkontakt halten, können anderen Menschen in die Augen schauen, das hat große Auswirkungen auf Vertrauen und auf Nähe. Die Mittelohrmuskeln werden aktiviert, sodass wir die mittleren Frequenzen der menschlichen Stimme besser aufnehmen können. Wir können also Menschen hören und verstehen, sogar in lauter Umgebung.


Die gelbe Zone, die in der der Fight or Flight Zustand aktiviert ist und wir aufgeregt, gestresst und angespannt sind, wenn das Gehirn Gefahr signalisiert hat, lässt deinen Herzschlag schneller werden. Die Schmerztoleranz wird größer. Die Mimik ausdrucksloser. Die Stimme monoton. Die Mittelohrmuskeln werden tatsächlich herunter reguliert, das heißt, dass die mittlere Tonfrequenz, die uns die menschliche Stimme wahrnehmen lässt heruntergefahren wird und die höheren Frequenzen (Gefahren-Geräusche) besser wahrgenommen werden.

Denn der Körper weiß, dass er hier mit Kommunikation auf Augenhöhe und Diplomatie nicht weiterkommen kann, da er davon ausgeht, dass er körperlich angegriffen wird und sich jetzt stark auf Geräusche fokussiert, die Gefahr erkennen lassen.

Wenn du - wenn dein Körper Gefahr spürt, verändert sich also dein audiologisches Signal und wir können andere Frequenzen und Lautstärken wahrnehmen.

Da unser Nervensystem die Aufgabe hat uns zu schützen, tendiert es dazu vorsichtig zu sein. Manchmal vorsichtiger als nötig. Es tendiert dazu Gefahr aufzuspüren, wo keine ist. So sind wir veranlagt. Wenn wir das nun wissen, können wir uns selber immer wieder erinnern ruhig zu bleiben und uns nicht so schnell stressen zu lassen.


Wenn es uns gut geht und wir gesund sind, dann können wir zwischen der grünen und der gelben Zone gut hin und her wechseln. Wir können uns entspannen, nach einer stressigen Phase oder nach aufregenden Events.

Schwierig wird es dann, wenn wir im Fight or Flight stecken bleiben, wenn wir geflutet werden von Stresshormonen und in einem Angstgefühl verbleiben. Dann müssen wir aktiv etwas tun, um den Körper und das Nervensystem zu beruhigen. Und hier verweise ich auf das neurogene Zittern bei TRE®, um den Körper aus diesem Alarmzustand zu befreien.


In der roten Zone geht es um Lebensgefahr.

Wenn sich Menschen in akuter Lebensgefahr befinden und/oder das Nervensystem denkt, dass es um Leben und Tod geht, verändert sich auch hier der körperliche Zustand.

Sie rennen nicht weg oder wollen kämpfen (Fight or Flight), es findet keine offensichtliche Aktivierung statt, sondern sie erstarren und fahren herunter. Und das erklärt in einem Satz, was bei Trauma im Körper passiert.


Die rote Zone zu verstehen ermöglicht es uns, Trauma zu verstehen.

Da wir denken, dass wenn Gefahr besteht, wir uns automatisch wehren oder fliehen würden. Aber das Nervensystem funktioniert so nicht.

Das Nervensystem reagiert auf seine Umgebung und fragt uns nicht, was es tun soll.

Beim Signal 'Lebensgefahr' erstarrt es.


Jeder von uns wird Dinge und Situationen erlebt haben, in denen die automatische Reaktion es nicht war wegzurennen oder in dem Kampfmodus zu verfallen, verbal oder körperlich. Sondern in denen wir mit Erstarrung und 'Shut-Down' reagiert haben.

Und wir müssen verstehen, dass das nicht WIR waren, es nicht unsere bewusste Entscheidung war, sondern dass das autonome Nervensystem reagiert hat.


Das autonome Nervensystem ist ein System. Das heißt, es besteht aus vielen Körperteilen und Organen. Das heißt auch, dass wenn ein Gefahrensignal wahrgenommen wird, es sich rasend schnell in das ganze System verbreitet und somit viele Körperfunktionen, Abläufe und verschiedene Organfunktionen betrifft.

Und der Schlüssel hier ist der Vagusnerv.


Der Vagusnerv startet am Hirnstamm, führt bis in den Bauchraum und verbindet fast alle inneren Organe miteinander.

Die Aufgabe des Vagusnerv ist also vom Gehirn mit der Funktion der Neurozeption, die Gefahr oder Sicherheit signalisiert, diese Information jeweils durch den gesamten Körper zu schicken, an die unterschiedlichen Organe, die alle jeweils reagieren und ihren Zustand und Funktionsweise anpassen und verändern.


Wenn der Vagusnerv aktiviert wird, beruhigt er dich und du gelangst in die grüne Phase.

Das Atmen ist tatsächlich der einzige autonome Prozess, den wir Menschen bewusst kontrollieren können.

Der Herzschlag und die Verdauung geschehen automatisch, aber das Atmen können wir bewusster steuern und mit ihm können wir uns selber ein Stück weit beruhigen.

Mit dem beruhigten und langsamen Atem verbindet der Vagusnerv die Information von Sicherheit.

So funktionieren Meditation und Yoga.

Wir haben Sensoren in unserer Lunge, die wenn wir den Atem bewusst beruhigen, den Herzschlag beruhigen.

Wenn wir schnell atmen, steigt der Herzschlag. All diese Organe sind miteinander verbunden über den Vagusnerv und haben direkten Einfluss aufeinander.


Jedes Mal, wenn du bewusst langsamer ausatmest, stimulierst du Sensoren in deiner Lunge, die den Vagunnerv stimulieren und die deinem Gehirn dann mitteilen, dass die Lage OK und sicher ist.


Der Vagusvern hat aber auch einen zweiten Strang.

Einmal der Strang, der uns beruhigt und entspannen lässt wenn man ihn aktiviert und der uns in die grüne Zone bringt.

Dann den zweiten Strang, den sogenannten ‚Ancient Vagus‘.

Wenn dieser Strang des Vagusnerv aktiviert wird, gelangen wir in die rote Zone.

Auch dieser Strang beruhigt, aber er beruhigt so sehr, dass er die Körperfunktionen herunterfahren lässt und wir in einen ‚Freeze‘ Zustand gelangen. Wir erstarren und dissoziieren.

Wie ein Reptil, das bei Gefahr erstarrt. Das ist der Zustand, in den der Körper in traumatischen Situationen verfällt.


Der Vagusnerv hat also zwei Stränge.

Und die Polyvagal Theroie gibt Antworten darauf, warum Menschen erstarren und sich nicht wehren können, bei akuter Gefahr.

Da dein Nervensystem eben entschieden hat, dass du kurz vor dem Ende stehst und du keine bewusste Entscheidung darüber hast, wie sich der Körper verhält.


Warum fühlt sich alles anders an anschließend, nach einer traumatischen Erfahrung?

Warum nehmen wir Dinge und Situationen anders wahr?


Weil dieses System alles in deinem Körper miteinander verbindet und alles miteinander zusammenhängt. Ob du dich sicher fühlst hängt damit zusammen, was du erlebt hast und wie dein Körper speziell darauf reagiert hat.


Warum hörst du Dinge anschließend anders?


Weil die Mittelohrmuskulatur nur aktiviert ist, wenn du dich sicher und entspannt fühlst und sich das Hören je nach Zustand verändert.


Warum hast du ein dauerndes Angstgefühl?


Angst ist eine Übererregung. Eine überaktive Neurozeption. Sie geschieht, wenn der Körper Gefahr wahrnimmt, wo keine Gefahr ist. Akuter Stress im Job - eine aufkommende Deadline beispielsweise löst die selben Körperreaktionen aus wie in einer Gefahrensituation. Normale, vielleicht unbequeme, nervige Dinge werden dann zur existentiellen Krise und wir fühlen uns dauer-schlecht.


Warum dauert Trauma so lange und ist so schwer zu verarbeiten?


Weil Trauma nicht nur psychologisch ist, sondern ganz klar auch physiologisch, wie die Polyvagal Theroie so eindrucksvoll erklärt.

Da wir, wenn wir nicht in der grünen Zone sind, beeinträchtigt sind.

Da das Nervensystem in einem bestimmten Zustand feststeckt.

Weil es schwierig ist, sich wieder sicher zu fühlen.

Weil es unter anderem eine auditive Überempfindlichkeit auslöst.

Man kann es optisch erkennen an ausdrucksloser Mimik.

Die Stimme verändert sich und wird monoton und schlaff.

Die Organfunktionen sind beeinträchtigt.


Sich sicher zu fühlen ist entscheidend für unser Wohlbefinden und für unsere Gesundheit.

Wir brauchen Sicherheit, um zu funktionieren.


Hörst du gerne Podcast?

Diesen Beitrag und mehr Impulse und Methoden gegen Angst und über den Umgang mit Stress und Trauma gibt es in meinem Podcast 'Calm is your Superpower'.

Bei Itunes, Spotify, Youtube und auf meiner Webseite.

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