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  • Karla Johanna Schaeffer

Stress im Körper verstehen und lösen - Neurogenes Zittern



Angst ist als allererstes ein natürlicher Teil unserer menschlichen Erfahrung.

Viele von uns erleben sie gerade jetzt intensiver, aufgrund dessen, was in der Welt und in unserem persönlichen Leben vor sich geht. Ob es nun die Familie und der Beruf ist, um die sich neben allem auch noch gekümmert werden muss, der Stressdruck, ein Hang zum Perfektionismus, zwischenmenschliche Konflikte oder eine andere beängstigende Sache ist, die in unserem Leben passiert; Angst ist eine normale Reaktion - aber sie muss nicht dazu führen, dass wir uns verrückt, betäubt oder unter Daueralarm fühlen.


Angst ist eines der stärksten Gefühle bei allen „Tieren“ (uns Menschen als Säugetiere eingeschlossen), weil sie in uns eine instinktive Reaktion hervorruft, die dazu dient, das Überleben und die Erhaltung der Art zu sichern. Sie gibt uns die Möglichkeit, uns bei Gefahr schnell in Sicherheit bringen zu können. Dabei ist bekannt, dass kraftzehrende Phasen und starke Stresssituationen sich nicht nur auf die Psyche und die Emotionen des Individuums auswirken, sondern ebenso sehr auf den Körper, und diesen in Mitleidenschaft ziehen. Körper und Psyche sind unstreitbar miteinander verbunden, das bestätigt Literatur über die Funktion des Gehirns, des Nervensystems und die Stress-Physiologie. Ebenso erkennen auch andere Gebiete der Forschung an, dass die Erinnerung an Erlebtes im Körper bewahrt wird. Es wird davon ausgegangen, dass die Gewebe des menschlichen Körpers ein unfehlbares Gedächtnis für Trauma besitzen. Alles wird in ihnen aufgezeichnet. Schon wie Nietzsche hat gesagt: Der Leib ist ein großes Gedächtnis. Er hat nicht nur ein Gedächtnis, er ist ein Gedächtnis.


Stress ist oft etwas von außen, es muss aber nicht immer ein äußerer Umstand sein, der den inneren Alarmmodus anschmeißt. Wir können über ein Thema, ein Erlebnis, eine Entwicklung und bestimmte Gedanken nachdenken, und können damit eine eigene, innere Unruhe erzeugen. Wir können einen Angstgedanken haben etwas zu verlieren oder nicht zu schaffen, oder es geht um eine Auseinandersetzung, und wir können uns damit selber in einen echten, realen Alarm begeben.


Wenn wir nervös sind, uns gestresst fühlen und wenn wir Angst erleben, verändert sich der Zustand unseres Nervensystems und geht hoch. Wenn eine bestimmte Höhe an Aktivierung erreicht ist, beginnt der Körper genetisch zu zittern, und zwar von alleine. Sätze wie: ‚Ich hatte solche Angst, dass meine Zähne klapperten‘, ‚Meine Hände zitterten so sehr, dass ich sie nicht kontrollieren konnte‘, ‚Meine Beine zitterten, als ich die Rede hielt‘, ‚Ich zitterte vor Wut‘, kennen wir in Variation alle. Der Körper zittert in Situationen großer Aufregung von selbst, um das Nervensystem zu beruhigen.


Wenn wir wüssten, wie wir unserem Nervensystem erlauben können, sich selbst zu regulieren, würde es uns tatsächlich leichter fallen, schwierige Lebenserfahrungen zu bewältigen und Stress zu lösen. Denn wenn unser Nervensystem ansteigt, können wir es sehr schnell wieder herunterregulieren.


Kommen wir also zur Physiologie. Wenn wir uns erschrecken oder etwas in uns starken Stress auslöst, zucken wir zusammen und kauerten uns instinktiv und spontan zu einer fötalen oder halbfötalen Körperhaltung zusammen. Das passiert automatisch und wirkt wie einstudiert, denn der menschliche Körper bringt sich selbst spontan in diese Haltung. Für diese Stressreaktion wird eine spezifische Muskelgruppe genutzt, um diese motorische Reaktion zu erzeugen. Das Bewegungsmuster beginnt bei den Adduktoren und verläuft durch die Psoas-Muskeln, die am unteren Teil der Wirbelsäule ansetzen. Die Bewegung in die halbfötalen Position scheint eine instinktive Reaktion auf die Wahrnehmung einer Gefahr darzustellen, wie bspw. ein ungewöhnlich lautes Geräusch oder ein drohender Zusammenstoß im Straßenverkehr.


Um diese unbewusste physiologische Reaktion bei Stress zu verstehen, müssen wir den Menschen als eine Tierart im Prozess der Evolution betrachten. Während jeder traumatischen Erfahrung wird die Streckmuskulatur gehemmt, so dass die Beugemuskulatur kontrahieren, sich zusammenziehen kann. Dies erlaubt dem Körper, die Extremitäten zusammenzuführen, wodurch eine Art geschützter Raum erzeugt wird, der ein Gefühl der Sicherheit vermittelt und die weichen, verletzlichen Körperteile, die Genitalien, die lebenswichtigen inneren Organe und der Kopf mit Augen, Ohren, Nase und Mund geschützt werden. Die wichtigen Psoas-Muskeln sind eine der Hauptmuskelgruppen, die den Körper bei einer sogenannten Fight or-Flight-Reaktion kontrahieren.


Nachdem dieses Muster der Anspannung verstanden wurde, war es möglich eine Reihe von Übungen zu entwickeln, die dazu bestimmt sind, den chronischen Stress und die Spannung abzubauen, die in diesen Muskeln als Folge der stressbesetzten Erfahrungen gehalten werden. Diese entwickelten Übungen, TRE©, Tension and Trauma Releasing Exercises von Dr. David Berceli konnten auch entstehen, weil Dr. David Berceli auf eine Reihe von Artikeln über die entsprechenden unwillkürlichen Zitter-Bewegungen bei Tieren getstoßen war. Die Erfahrung eines körperlichen Zitterns ist nicht nur bei uns verbreitet, in Situationen großer Anspannung, Wut oder Aufregung, sondern kann auch bei vielen Säugetierarten beobachtet werden. Dieses natürlich vorkommende Zittern wurde von Tierforschern beschrieben, die das Phänomen an Säugetieren bei ihrem Erholungsprozess von lebensbedrohlichen Situationen studiert haben. Ihre Beobachtungen haben bestätigt, dass Säugetiere in ganz bestimmten Momenten während ihres Erholungsprozesses von traumatischen Situationen, zittern. Aufgrund dieser Beobachtungen kam ein Forscher zu dem Schluss, dass dieses Zittern einen Überlebensvorteil bieten muss, sonst hätte es den Evolutionsprozess der Tiere nicht überdauert. Die Natur behält nur, was nützlich ist.


Die Tatsache, dass auch Menschen eine Zitterreaktion haben, spricht dafür, dass derselbe Mechanismus auch für das menschliche „Säugetier“ immer noch einen Überlebensvorteil darstellt. Nämlich sich nach schwierigen, herausfordernden und traumatischen Erlebnissen wieder erholen zu können. Folglich stellt Dr David Berceli in den Raum, dass Menschen durch die Aktivierung dieses Zitterns durch TRE© in die Lage kommen, ihre Homöostase wiederherzustellen und damit ihre Stress-Reaktionen zu reduzieren.


Die Entspannungsübungen (TRE© von »Trauma Releasing Exercises«) sind eine Reihe einfacher Übungen, bei denen bestimmte Muskelgruppen im ganzen Körper gedehnt und angespannt, d.h. in Stress versetzt werden und dabei auf eine kontrollierte und anhaltende Weise neurogenes Zittern hervorrufen. Diese Arbeit mache ich mit meinen Klienten.

Die Übungen haben zum Ziel, neurogenes Zittern hervorzurufen, um Muster von tiefer chronischer Spannung zu lösen, die im Körper gehalten werden.


Ich glaube, dass wir aus vielen Gründen in unserer Geschichte unser Gehirn von unserem Körper getrennt haben. Wir tun Dinge kognitiv und erkennen nicht, dass es auch eine somatische Seite gibt und manchmal tun wir etwas somatisch und denken nicht, dass es eine kognitive Seite gibt. Anstatt Körper und Geist getrennt zu verwenden, müssen wir vom menschlichen Organismus sprechen. Es gibt keine Trennung zwischen dem, was kognitiv in unserem Gehirn vor sich geht, und dem, was somatisch in unserem Körper passiert.


Wenn wir die Stellen in Deinem Körper finden, an denen Du Verspannungen hast und diesen Zitter-Mechanismus aktivieren, können diese gelöst werden. Es ist Gewebe, das sich dabei bewegt und sich löst. Die Probleme liegen im Gewebe, the issues are in the tissues. Der menschliche Organismus wird dann wieder pulsieren können mit dem natürlichen Mechanismus, der hilft, um festgefahrene Muster in unserem Körper zu lösen, die zum Teil chronisch sind.

Ich vermittle die Methode und die Menschen erzählen mir, wie sie sich danach fühlen. Bei Rückenschmerzen, Panikattacken, Restless-Legs, Schlafschwierigkeiten, Nackenschmerzen, ständiger Hab-Acht-Stellung. Der Zitter-Mechanismus arbeitet mit der Physiologie unserer Struktur und es ist ihm egal, ob es sich um ein Erlebnis von vor 30 Jahren handelt oder um einen kürzlichen Sportunfall, oder ob Du Dich in den letzten sechs Monaten überanstrengt hast. Es ist egal, was, wie und warum, es ist nur Gewebe, das sich lösen wird.


Denn wir befinden uns in einem lebenden Organismus, der sich weiterentwickeln und so stark wie möglich sein soll. Wenn wir ein Zittern spüren im Alltag, wenn wir Herzrasen und Angstschweiß fühlen und uns fast schwindelig wird, dann assoziieren wir diese Empfindungen mit irgendwas ganz schlimmem. Wir denken wir haben einen Nervenzusammenbruch oder einen Herzinfarkt. Aber es kann (bitte medizinisch abklären) auch einfach nur ein übererregtes Nervensystem sein.


Der Zitter-Mechanismus der TRE© Methode ist Teil des Nervensystems, er ist Teil des parasympathischen Nervensystems, er interagiert mit den Muskeln und zusammen versetzen sie uns in einen Zustand der Entspannung, körperlich, emotional, aber auch neurologisch. Es ist eine Beruhigung.

Indem wir den Körper mit einbeziehen und anerkennen, dass es keine Trennung zwischen „nur Geist“ und „nur Körper“ glaube ich, dass dies die Techniken der Zukunft sind.



Hörst Du gerne Podcast? Diesen Beitrag und mehr Impulse und Methoden zum Umgang mit Stress und mit Wegen in ein neues Selbstvertrauen gibt es in meinem Podcast 'Calm is your Superpower'. Bei Itunes, Spotify, Youtube und auf meiner Webseite.

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