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  • Karla Johanna Schaeffer

Umgang mit Traurigkeit



Ich glaube, dass unsere Fähigkeit vollständig zu leben und zu lieben auch davon abhängt, wie wir mit Veränderung und mit Verlust umgehen.


Alles ist in Bewegung. Alles ändert sich. Wenn du jetzt in diesem Moment ganz still sitzt und in dich hinein fühlst, merkst du dass auch in dir alles in Bewegung ist.

Im Körper bewegt es sich, in den Händen fühlst du das Pulsieren. In den Füßen spürst du es. Im Gesicht. Im Herzen. Kannst du es fühlen?


Alles bewegt sich, nichts steht still.

Dein Körper ersetzt Millionen von Zellen pro Sekunde.

Und allein die Veränderung deiner letzten Jahre. Konntest du all das voraussehen?

Beziehungen. Karriere. Gesundheit. Verlust und Gewinn. Und wieder von neuem.


Trotzdem haben wir eine bestimmte Vorstellung von unseren Leben.

Mit den Veränderungen die wir erleben entsteht auch immer wieder ganz unvermeidbar ein tiefer Verlust. Etwas beginnt und etwas hört auf. Dann beginnt wieder etwas neues, verändert sich und findet irgendwann sein Ende.

Die Buddhisten beschreiben es als die Unbeständigkeit des Lebens, als das Fortschreiten der Natur, deren Teil wir sind.

Und dass wir leiden, wenn wir an etwas versuchen festzuhalten, das sich auf natürliche Weise verändert.


Zu lernen mit Veränderungen umzugehen ist das Herzstück eines spirituellen Wegs und auch das, was die Buddhisten uns lehren können. Nämlich das In-Kooperation-Gehen mit dem Unvermeidbaren.

Die Veränderungen und Verluste zu verarbeiten und mit ihnen zu leben ist alles andere als etwas passives. Denn es geht nicht darum, einfach alles geschehen zu lassen als Teil des Lebens. Sondern aktiv die Prozesse der Traurigkeit und des Verlusts zu erleben und dabei zu erkenne, wie wichtig sie sind.


Wenn wir den Gefühlen die wir haben, ins Auge blicken, passiert etwas bittersüßes.

Wir wachsen. Weil wir verstehen, dass es keinen Zeitpunkt gibt und kein Alter, in dem wir keinen Schmerz mehr erleben werden und in dem wir unberührbar sind.

Wir können durch das Erleben unseres eigenen Schmerzes, den Schmerz auch in anderen Menschen erkennen. Nicht nur in einem traurigen Kind, sondern auch in dem scheinbar kalten, abgewendeten Blick einer schüchternen Person, in der Aggressivität eines Gegenübers oder in der Suche nach Selbstbestätigung.


Wir können den Schmerz in anderen Menschen erkennen, wenn wir ihn selber erlebt haben. Das macht uns mitfühlender, geduldiger und weiser.


Du verstehst, dass der Unterschied zwischen Glück und Unglück nicht die Abwesenheit von Schmerz ist, sondern wie sehr wir uns und unser Herz dem öffnen können, was ist.

Und du verstehst, dass Schmerz das Rohmaterial für Wachstum ist.


Der Dichter Rumi schreibt, dass durch die Rissen oder durch die Wunden das Licht nach innen findet. Er macht uns demütig und erdet uns.

Ohne den Schmerz wüssten wir gar nicht, was es heißt tapfer zu sein. Mutig zu sein. Stark zu sein.

Nicht ohne Grund nennen manche Psychologen die Traurigkeit ‚the healing feeling‘.

Menschen, die dem ganzen Prozess der Traurigkeit folgen, kommen auf der anderen Seite stärker wieder heraus. Mit einer Stärke, die uns mit den unvermeidlichen Verlusten des Lebens umgehen lässt, und nicht selten werden diese Menschen zu einer Quelle der Weisheit und des Mitgefühls, für sich selber und für die Menschen, die sie berühren.


Anders als bei der Angst, lässt der Schmerz dich nicht in Hochspannung und Aktivität sein. In dir schwirrt kein Adrenalin. Im Gegenteil, Schmerz lässt uns zurückziehen, nach innen gehen, wir wollen uns verkriechen und Winterschlaf halten.

Wie ein Bär wollen wir in einer Höhle verschlafen und erst wieder aufwachen, wenn alles vorbei ist.

Trauer ist schwierige, harte Arbeit. Trauerarbeit. Trotzdem ist Verlust und Schmerz zu erleben ein konkretes, produktive Verhalten und keine Zeitverschwendung.

Denn so zu tun, als wäre alles in Ordnung und alles halb so schlimm, wenn deine primäre Identität - dein Leben so wie es war - einen Todesstoß bekommen hat, verlängert die Traurigkeit. Während wenn du dir erlaubst zu trauern für das Verlorene, du der Traurigkeit hilfst so schnell wie es möglich ist, kleiner zu werden.


Die Traurigkeit und die körperliche Reaktion die damit einhergehen, verlangsamt sozusagen deine inneren Systeme, um dich zu einer unendlich schwierigen Aufgabe zu zwingen. Nämlich mit dem Verlust umzugehen.

Verlust liegt immer dem Schmerz zugrunde. Jedes Mal, wenn du etwas oder jemanden verlierst, den oder das du liebst, musst du trauern.

Jedes Mal wenn dich die Traurigkeit überkommt, kannst du dir sicher sein, dass du etwas verloren hast oder etwas verloren scheint, dass dir lieb ist.

Die tiefste Trauer entsteht dann, wenn es keinen Ersatz für unseren Verlust gibt. Geliebte Menschen, Beziehungen, Gesundheit, Hoffnungen, Träume. Jemanden ersetzen zu wollen oder zu können, den oder das wir lieben ist so hoffnungslos, wie die Sonne durch ein Plakat zu ersetzen. Dann gibt es nichts anderes zu tun, als zu trauern. Und der Schmerz wird sich sehr viel schneller verwandeln, wenn du dich dem hingeben kannst.


Zu heilen und durch Traurigkeit zu finden ist schwierig und fordert eine große Menge Energie von uns. Es fordert ein Herunterfahren. Er macht unsere Muskeln schwer, fordert uns Tränen ab, unser Bauchraum verkrampft sich.

Wir brauchen mehr Zeit in solchen Phasen. Mehr Zeit für die einfachen täglichen Aufgaben. Mehr Zeit für all das, was durch einen Verlust noch hinzu kommt. Das Organisieren. Das Neue, dass langsam wieder aufgebaut werden muss. Die Zeit, um bewusst traurig zu sein. Zu weinen. Zu verabschieden.


Schmerz lehrt mich die Unbeständigkeit des Lebens zu akzeptieren. Zu verstehen, dass nichts bleibt, wie es ist. Es bedeutet für mich, die Welt so zu nehmen, wie sie ist, mit Verlust und mit neuem Gewinn. Denn kein Moment, egal wie wunderschön, bleibt für immer. Aber genauso wenig bleibt der Schmerz für immer.


So verbildlicht es auch die Geschichte des thailändischen buddhistischen Mönchs Adjan Chah. Er hatte ein Lieblingsglas, das er ans Licht hielt und sagte:

‚Ich liebe dieses Glas. Wie es das Wasser hält und wenn die Sonne drauf scheint, wie es das Licht reflektiert. Wenn ich dagegen klopfe entsteht so ein schöner Klang. Aber für mich ist das Glas schon zerbrochen. Wenn der Wind es umweht oder ich es mit meinem Ellenbogen vom Tisch kippe und es auf den Boden fällt und zerspringt, sage ich: 'Natürlich'.

Aber wenn ich verstehe, dass das Glas schon zerbrochen ist, ist jede Minute mit ihm kostbar.‘


Wie machen wir das?

Wir erkennen uns im Fluss. Als Teil des Kreislaufs.

Wir Menschen sind uns als einzige Lebewesen bewusst über die Unvermeidbarkeit des Todes. Und unser Nervensystem nimmt die Unsicherheiten des Leben wahr, es reagiert dauernd auf diese Fragilität unseres Lebens.


Für uns Menschen gibt es Verluste, die keinen körperlichen Tod bedeuten, die sich aber wie Todesfälle anfühlen.

Den Verlust einer Verbindung mit anderen, der Verlust und das Verschmerzen von Respekt. Der Verlust von Lebensqualität aufgrund einer Sucht oder Krankheit. Der Verlust von Dingen, die wir einmal konnten: sehen, hören. Wie auch der Verlust eines Traumes.


Je tiefer das Gefühl und je größer der Verlust, begleitet uns das Gefühl für eine lange Zeit. Aber es zeigt auch den Weg.


In der Chemie nenn man etwas, das eine Reaktion initiiert einen Katalysator.

Auf unser Leben übertragen, beschreibt es ein Ereignis, das dein Leben in eine komplett neue Richtung lenkt. Dieses Erlebnis ist so groß, dass es dazu führt, dass du dich selbst völlig neu überdenken und finden musst.

Katalytische Erlebnisse können auch Glückssituationen sein, aber meistens sind es Schockerlebnisse, die uns so herausfordern, dass wir uns tief im Kern wiederfinden und stabilisieren müssen.

Menschen, die ein Schockerlebnis erfahren, sind häufig erst wie benommen und es kann Wochen oder Monate dauern, bis sie verstehen, dass ihre Leben nicht mehr so sein werden, wie sie einst waren.

Sei besonders geduldig mit dir und gib dir Zeit. Zwinge dich nicht, Dinge zu tun, nur weil du glaubst, du müsstest. Du fühlst dich taub und bewegungslos nach einer Tragödie, denn dein Leben hat einen Sprung bekommen durch dieses Erdbeben und dein Verstand muss erst langsam mitkommen.

Wir verlieren etwas, einen Menschen oder einen Traum und wir verlieren damit ein altes Leben.


Nach der ersten Schockzeit und bevor ein neues Leben beginnt, gibt es für eine Zeitlang das große Nichts. Wir fühlen uns temporär wie ein Nobody. Nichts altes, an dem wir uns festhalten können. Nichts Neues, das uns ruft.

Es hilft dir vor Augen zu halten, dass dieser Prozess normal und richtig ist. Wie eine Frau, die ein Kind gebären kann weil sie weiß, was passiert und dass es nun einmal so funktioniert, kannst auch du lernen und dir bewusst machen, dass die emotionale Qual ein neues Ich, ein neues Leben zu gebären, unendlich schmerzvoll aber normal ist.


Mit gefällt dieses Gedicht von Jennifer Welwood besonders gut:


My friends, let’s grow up. Let’s stop pretending we don’t know the deal here. Or if we truly haven’t noticed, let’s wake up and notice. Look: Everything that can be lost, will be lost. It’s simple — how could we have missed it for so long? Let’s grieve our losses fully, like ripe human beings, But please, let’s not be so shocked by them. Let’s not act so betrayed, As though life had broken her secret promise to us. Impermanence is life’s only promise to us, And she keeps it with ruthless impeccability. To a child she seems cruel, but she is only wild, And her compassion exquisitely precise: Brilliantly penetrating, luminous with truth, She strips away the unreal to show us the real.

Es geht dabei nicht darum, einen Verlust oder eine Veränderung herunterzuspielen, als nicht so wichtig zu nehmen oder nicht traurig sein zu dürfen, sondern es geht um die Unbeständigkeit und die daraus resultierende Kostbarkeit. Und darum, die dauernde Veränderung des Lebens zu erkennen und anzunehmen, als etwas worauf wir uns verlassen können und das Bewusstsein, das jede Tür, die sich schließt auch eine neue öffnet.


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Diesen Beitrag und mehr Impulse und Methoden zum Umgang mit Angst und Herausforderungen gibt es in meinem Podcast 'Calm is your Superpower'.

Bei Itunes, Spotify und auf meiner Webseite.

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