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Was hast Du erlebt? Trauma, Resilienz und Heilung


Karla Johanna Schaeffer Trauma, Resilienz, Heilung

Ich möchte ein besonderes Buch zum Anlass nehmen, um einen gedanklichen ‚Shift‘ zu ermutigen, wenn wir über uns und unsere Vergangenheit sprechen und nachdenken.

Es geht darum wegzukommen von der Überzeugung, irgendetwas stimme nicht mit dir oder sei fehlerhaft an dir. Das Buch von Oprah Winfrey und Dr. Bruce Perry: ‘What happened to You?: Conversations on Trauma, Resilience, and Healing' behandelt die Frage:

Was hast du erlebt? STATT Was stimmt nicht mit dir?


Oprah Winfrey und Dr. Perry erklären, wie das Gehirn angesichts von Angst und Stress, Überwältigung oder erlebtem Trauma fortan anders reagiert. Dies hilft zu verdeutlichen wie das, was wir erlebt haben in der Vergangenheit, uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind, wie wir uns fühlen, uns verhalten und handeln können.

Einige Gedanken aus dem Buch, die ich als besonders hilfreich empfinde, möchte ich in diesem Blogbeitrag teilen.


Was im Gehirn bei überforderndem Stress, Angst und Trauma geschieht


Da unser Gehirn der Teil von uns ist, der uns ermöglicht zu denken, zu fühlen und zu handeln, macht es nur Sinn, dass sich verändert, wie das Gehirn funktioniert, verarbeitet und einschätzt, denn nach erlebten Schwierigkeiten, herausfordernden Phasen oder Trauma (und natürlich während Angst) ändert sich die Funktionsweise des Gehirns.


Wenn wir die grundlegende Organisation im Gehirn betrachten, kann man sich diese wie eine vierlagige Torte vorstellen. Ganz oben ist der präfrontale Kortex, der einzigartige menschliche Teil des Gehirns. Mit diesem Teil denken wir, sind kreativ und hier formt sich die Sprache. Dieser Teil ist verantwortlich für unsere Werte, mit ihm können wir verschiedene Zeiten erleben; die Konzepte der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft unterteilen. Hier entsteht Hoffnung, Glaube und Verstehen.


Ein wichtiger Aspekt ist die Zeitwahrnehmung. Mit der obersten Lage der Torte, dem präfrontalen Kortex, können wir Erlebtes einordnen. Wenn dieser Teil des Gehirns ‚aktiviert‘ ist und mitarbeitet, können wir über die Vergangenheit nachdenken und uns auf die Zukunft freuen. Wir wissen, was vergangen ist und was gerade stattfindet.


Die unterste Lage der Torte ist der Hirnstamm. Das Stammhirn. Im Englischen sagt man auch ‚reptilian brain‘ dazu, denn hier laufen unsere Instinktreaktionen ab. Die Funktionen eben, die ein Reptil hat, das keinen logischen Teil des Gehirn besitzt.

Die unterste Lage, der Hirnstamm kontrolliert weniger komplexe, meistens regulierende Funktionen, wie beispielsweise das Ausgleichen der Körpertemperatur, der Atmung und des Herzschlags. Es gibt aber keine Vernetzungen in diesem Hirnteil, die denken oder das Zeitgeschehen einordnen können.

Bei dem Reptiliengehirn kannst du an eine Eidechse denken, die nichts plant und sich nichts denkt, die einfach im Moment lebt und reagiert auf das, was im Außen geschieht. Wir Menschen aber, dank der obersten Lage unseres Gehirns können uns Dinge ausdenken, Neues erschaffen, denken, einordnen, planen und das Zeitgeschehen für uns einschätzen.


Das Buch startet mit der Geschichte eines älteren Kriegsveteranen, der eine Posttraumatische Belastungsstörung davongetragen hat, die für ihn ein erhöhtes Angstempfinden, schlechten Schlaf, Depression und gelegentlichen Flashbacks bedeutet.

Sie erzählt von einem Erlebnis, das der Mann nun 30 Jahre nach den Kriegserlebnissen durchlebte. Er besuchte ein Kino und auf dem Weg nach Hause und stand er am Straßenrand zwischen einigen geparkten Autos und fand sich plötzlich auf dem Bauch liegend am Boden wieder, die Hände schützend über den Kopf geschlagen. Er dachte auf ihn würde geschossen.

Ein paar Minuten später wurde ihm bewusst, dass ein Motorrad nach hinten los gegangen war mit einem lauten Knall, dass sich für ihn wie Schüsse angehört haben muss.

Zitternd am ganzen Körper und voller Scham für diese Überreaktion wollte er nur nach Hause, sich betrinken und verkriechen.

Anhand dieses Beispiels wird im Buch erklärt, wie das Gehirn und der Körper reagieren und was für Verknüpfungen diesen Mann so haben aus der Haut fahren lassen.


Alls was uns in unseren Leben begegnet, jeder Reiz, jede Begegnung, Sinneswahrnehmungen, das was wir hören, sehen, riechen oder schmecken, kommt als allererstes in der untersten Lage unseres Gehirns an, auf der Instinktebene.

Wenn das Signal dort im Hirnstamm ankommt, wird es verarbeitet.

Und zwar wird dieses Signal mit vorherigen Erfahrungen gegenübergestellt. Das was wir in der Vergangenheit erlebt haben wird mit der neuen Erfahrung abgeglichen und es wird geschaut, ob es eine ähnliche Situation ist, wie damals.

Da im Hirnstamm keine Zeitwahrnehmung herrscht, das beispielsweise viele Jahre vergangen sind seit einer unangenehmen oder herausfordernden oder traumatischen Erfahrung – wird, weil der neue Reiz vielleicht optisch, sensorisch an die Erfahrung erinnert, eine Stressaktivierung im Körper aktiviert.

Wenn also ein Geräusch, ein Geruch, eine Optik oder ähnliches die Vergangenheit triggert, gerät der Körper, über die Signale die das Gehirn dem Körper schickt, in einen Alarmmodus, da er sich in der selber Situation zu befinden scheint.

Du fühlst dich und handelst als würdest du angegriffen, in vollem Alarm.

Das Erlebnis mag 30 Jahre her sein, vielleicht schon völlig abgespalten aus der Erinnerung, und dennoch verfällt der Körper in Alarmbereitschaft, da der Hirnstamm die vergangenen 30 Jahre nicht einordnen kann.


Wenn das Signal irgendwann in der obersten Hirnlage ankommt, im logischen Teil des Gehirns, kann dieser Teil des Gehirns feststellen und einschätzen, was gerade wirklich geschehen ist.

Die erste Sache, die aber passiert, wenn der Körper in Alarm verfällt ist, dass der logische Teil, also die Zeitwahrnehmung beispielsweise, völlig ausgeschaltet wird. Der Körper reagiert mit einer reinen Instinktreaktion.

Der logische Teil, der uns gut zusprechen kann und der die Situation einschätzt, meldet sich erst etwas später zu Wort.

Dein Körper reagiert aber, wie er reagieren soll, um dich am Leben zu erhalten, wenn wirkliche Gefahr entstünde.


Wenn der Körper des Mannes einem äußeren ‚Tigger‘ ausgesetzt ist, einem Reizgeräusch das sein Gehirn und sein Nervensystem an das traumatische Erlebnis erinnert, beginnt sein Herz zu rasen, seine Körperhaltung verändert sich und der Hormoncocktail in seinem Körper verändert sich. Der Punkt ist, dass die Bewältigungsmechanismen des Körpers sich verändern nach einer traumatischen Erfahrung. Traumatisch kann dabei etwas stark Unterschiedliches sein, nicht nur Kriegserfahrung.

Ein Mensch, der unvorhersehbaren oder extremen inneren Stress erlebt, wird dysreguliert.

Die meisten Menschen, die schwierige Phasen durchlebt haben, beruflich, privat, emotional oder körperlich, sind chronisch dysreguliert. Chronisch aus der Balance.

Sie sind körperlich und mental angespannt und fühlen sich, als würden sie fast aus ihrer Haut fahren.

Das Gehirn interpretiert zwei Erfahrungen ähnlich, obwohl sie Jahrzehnte auseinander liegen. Du magst sie auseinanderhalten können aber dein Gehirn interpretiert sie als ein und dasselbe Erlebnis und dein Körper empfindet sie genauso entwurzelnd.


All unsere Erfahrungen werden von unten nach oben verarbeitet.

Von der untersten Tortenschicht hoch zur obersten. Von der nicht so schlauen Instinktebene hin zur schlauen Logikebene.

Unser Gehirn ist so organisiert, dass wir zuerst handeln und fühlen bevor wir denken. Bevor wir ‚das‘ Gehirn einschalten oder den Verstand einschalten, genauer genommen.

Das ist auch wie sich unser Gehirn entwickelt von klein auf, von unten nach oben eben. Das kleine Kind handelt und fühlt, und diese Handlungen und Gefühle helfen herauszubilden, wie es anfangen wird zu denken.

Schon in der Gebärmutter beginnt unser Gehirn und Körper Erfahrungen abzuspeichern. Diese Entwicklung wird stark beeinflusst vom Verhalten der Mutter, was sie konsumiert, wie den Stress, den sie in dieser Zeit empfindet.


Der Gedanke: 'was stimmt denn nur nicht mit mir' kann also umgeleitet werden auf den Hintergrund: Was habe ich erlebt, dass mein Gehirn solche Schlüsse ziehen lässt?

In anderen Worten, deine persönliche Geschichte, auch das was vielleicht in sehr jungen Jahren geschehen ist, ebenso wie Menschen und Orte und Erinnerungen, all das beeinflusst die Entwicklung deines Gehirns. Unsere Lebenserfahrungen formen, wie Schlüsselfunktionen in unserem Gehirn organisiert sind und funktionieren. Sodass jeder von uns die Welt auf eigene Weise sieht, wahrnimmt und einschätzt.

Die innere Wahrnehmung eines Erlebnisses oder eines Lebensabschnitts ist unterschiedlich für alle von uns. Genauso wie die Auswirkungen unterschiedlich für uns alle sind.


Es gibt also den wissenschaftlichen Aspekt auf die Frage; Was hast du erlebt? Nämlich wie sich schwierige Phasen, Trauma und extremer innerer Stress auf uns, unser Gehirn und unser Nervensystem auswirken.

Und dann sind es die unzähligen täglichen Aktionen und Dinge die wir tun und die uns durchs Leben tragen, die das Resultat von Überforderung und traumatischen Erlebnissen sind.

Das sind Dinge, die oberflächlich wie schlechte Entscheidungen, schlechte Gewohnheiten und simple Selbstsabotage aussehen. Dinge die andere Menschen an uns verurteilen und ablehnen oder die wir an anderen Menschen ablehnen. Die aber, wenn wir der Spur folgen, erkennen lassen, wie solche Verhaltensweisen entstanden sind.

Was ich mit einer absoluten Sicherheit weiß ist: Aller Schmerz, der auf diesem Planeten erlebt wird ist der Gleiche.


Vielleicht wird dir auch immer klarer, dass es nicht nur darum geht, was du erlebt hast sondern was du nicht erleben durftest. Welche Aufmerksamkeit, Sicherheit, liebevolle Aufmerksamkeit und Beruhigung – im Grunde welche Liebe hast du nicht erhalten? Vernachlässigung ist genauso entwurzelnd wie Trauma.


Körpertherapie Tension and Trauma Releasing Exercises


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